Kilobyte: Das Ubuntu Handbuch mit Anleitungen

Warum gibt es wenig Spiele für Ubuntu (Linux)?

Wäh­rend­des­sen ich von Stu­den­ten, Selbst­stän­di­gen und äl­te­ren Men­schen aus­schließ­lich po­si­ti­ves Feed­back er­hal­te, wenn ich die­se Grup­pen auf eine Linux-Distribution wie Ubun­tu oder De­bi­an be­kehrt habe, fürch­ten Ju­gend­li­che die­se Be­triebs­sys­te­me wie der Teu­fel das Weih­was­ser. Grund da­für sind na­tür­lich die feh­len­den Spie­le. Doch war­um gibt es so we­nig Spie­le für Li­nux? Die­ser Fra­ge ver­su­che ich, für Sie auf den Grund zu ge­hen.

Was ist DirectX und OpenGL?

Bild von Ubuntu GamesZu­nächst ein­mal soll­ten Sie wis­sen, dass Spie­le haupt­säch­lich für Spie­le­kon­so­len pro­gram­miert wer­den. Die­sen Markt tei­len sich im Gro­ßen und Gan­zen Sony (Play­sta­ti­on) und Mi­cro­soft (Xbox). Bei­de Fir­men sind auch Spie­le­her­stel­ler. Zu­sam­men wur­den die neus­ten Kon­so­len, Play­sta­ti­on 4 und Xbox One, im No­vem­ber 2014 be­reits über 23 Mil­lio­nen Mal ver­kauft.

Dem­nach hat sich die Sony-Konsole 15 Mil­lio­nen Mal ver­kauft. Die Microsoft-Spielekonsole kommt auf acht Mil­lio­nen Ex­em­pla­re.

PC Ga­mes: Ver­kaufs­zah­len Play­sta­ti­on 4. pcgameshardware.de (12/2014).

Für Ent­wick­ler von Spie­len ist der Kon­so­len­markt also enorm wich­tig. Um ei­nen wei­te­ren Markt zu er­schlie­ßen, wer­den die meis­ten Spie­le auch für den PC por­tiert. Da­mit je­der Com­pu­ter, mit sei­nen un­ter­schied­li­chen Hardware-Konfigurationen, ein Spiel be­trei­ben kann, gibt es di­ver­se Pro­gram­mier­schnitt­stel­len. Be­kann­tes­te Schnitt­stel­le ist Di­rec­tX von Mi­cro­soft.

Di­rec­tX ist eine Samm­lung von Mul­ti­me­dia­tech­no­lo­gi­en, die für vie­le Windows-Spiele er­for­der­lich sind.

Mi­cro­soft: Wel­che DirectX-Version ist auf dem Com­pu­ter in­stal­liert. windows.microsoft.com (12/2014).

Prak­tisch ist die­ser Um­stand in­so­fern, dass die Xbox One von Mi­cro­soft alle Spie­le bis Di­rec­tX 11.2 und dar­un­ter be­trei­ben kann. Dem­entspre­chend zeit- und kos­ten­spa­rend fällt die Por­tie­rung der Spie­le­her­stel­ler für Windows-Betriebssysteme aus. Die Play­sta­ti­on hin­ge­gen be­nutzt GNMX als Pro­gram­mier­schnitt­stel­le. Da aber fast alle Spie­le so­wohl für die Xbox als auch für die Play­sta­ti­on er­schei­nen, wer­den die­se in der Re­gel gleich für Di­rec­tX pro­gram­miert und dann dem­entspre­chend für die Sony-Konsole um­po­riert.

Das Di­rec­tX von Mi­cro­soft fin­det in Linux-Distributionen wie Ubun­tu je­doch kei­ner­lei Ver­wen­dung. Das Pen­dant dazu heißt OpenGL. Ubun­tu 14.04 LTS wur­de bei­spiels­wei­se mit OpenGL 4.3 aus­ge­lie­fert, wel­ches un­ge­fähr der Leis­tung von Di­rec­tX 11.0 ent­spricht.

Für ei­nen Spie­le­pro­gram­mie­rer wäre es mit gro­ßer Si­cher­heit über­haupt kein Pro­blem, ein Spiel für Li­nux zu por­tie­ren. Das Gan­ze wür­de je­doch vor al­lem Zeit und Geld kos­ten.

Das Pro­blem war noch nie, daß man die DirectX-Pipeline tech­nisch nicht auf OpenGL ab­bil­den konn­te, son­dern der da­mit ver­bun­de­ne Arbeits- und Test­auf­wand, der nach wie vor nicht zu un­ter­schät­zen ist [...].

MrBrown: Was ist das mit Di­rec­tX Spie­len? forum.golem.de (12/2014).

Die­se In­ves­ti­ti­on lohnt sich für die meis­ten Spie­le­her­stel­ler noch nicht. Der Markt­an­teil von Li­nux und des­sen Dis­tri­bu­tio­nen ist in Deutsch­land zwar ste­tig stei­gend, je­doch sehr ge­ring.

[...] be­trägt der Linux-Anteil in Deutsch­land im April (Stand 26. April) 2,43 Pro­zent.

Frey, Ste­phan: Nach Win­dows XP-Aus: Li­nux baut Markt­an­teil im April deut­lich aus. technik-smartphone-news.de (12/2014).

Wenn Sie da­von aus­ge­hen, dass die meis­ten Linux-Systeme auf Office-PCs in­stal­liert sind, sieht es für den Spie­le­markt noch schlech­ter aus.

Native Spiele und Wine - Unterschiede?

Screenshot von Freeciv 2.4.4Ob­jek­tiv be­trach­tet gibt es so­gar eine gro­ße An­zahl von na­ti­ven Linux-Spielen. Also Spie­le, die für Li­nux por­tiert und/oder ent­wi­ckelt wur­den. Lei­der se­hen die­se Spie­le meis­tens so aus wie auf dem Com­mo­do­re Ami­ga 500 Anno 1993. Ei­nes der be­lieb­tes­ten ech­ten Linux-Spiele ist bei­spiels­wei­se Free­civ. Die­ses kos­ten­lo­se Spiel äh­nelt in der Gra­fik und Spiel­me­cha­nik Ci­vi­li­za­ti­on II aus dem Jah­re 1996. Der Grund, war­um Linux-Spiele so schlecht aus­se­hen bzw. ein Ab­klatsch von al­ten Klas­si­kern sind, ist, dass die Ent­wick­ler die­se Spie­le kos­ten­los an­bie­ten und in ih­rer Frei­zeit pro­gram­mie­ren.

Möch­ten Sie ein­mal Free­civ aus­pro­bie­ren und ein ech­tes Linux-Spiel er­le­ben, dann ge­hen Sie wie folgt vor:

  1. Öff­nen Sie ein Terminal-Fenster und in­stal­lie­ren Sie die feh­len­den Pa­ke­te mit sudo apt-get install libcurl4-gnutls-dev libgtk-3-dev.
  2. La­den Sie sich eine ak­tu­el­le Spiel­ver­si­on her­un­ter.
  3. Für Ubun­tu oder De­bi­an na­vi­gie­ren Sie an­schlie­ßend über ein Terminal-Fenster in Ih­ren Download-Ordner mit cd Downloads.
  4. Ent­pa­cken Sie die Da­tei mit tar -xvf freeciv-2.4.4.tar.bz2 (Ver­si­ons­num­mer an­pas­sen).
  5. Na­vi­gie­ren Sie in den Freeciv-Ordner mit cd freeciv-2.4.4 (Ver­si­ons­num­mer an­pas­sen).
  6. Be­rei­ten Sie die In­stal­la­ti­on mit ./configure vor.
  7. Die In­stal­la­ti­ons­da­tei­en be­rei­ten Sie nun mit make auf.
  8. Star­ten Sie die In­stal­la­ti­on von Free­civ mit sudo make install.
  9. Star­ten Sie das Spiel mit freeciv-gtk3.

Sie se­hen, auch die In­stal­la­ti­on von na­ti­ven Linux-Spielen ist gar nicht so ein­fach.

Screenshot vom Menü Länderauswahl aus Freeciv 2.4.4Als Ubuntu-Nutzer kön­nen Sie je­doch auch über das Ubun­tu Software-Center kos­ten­lo­se Spie­le, je­des Gen­res, be­zie­hen. Auch man­che Windows-Spiele las­sen sich un­ter Li­nux spie­len. Hier­für be­nö­ti­gen Sie die Er­wei­te­rung Wine und even­tu­ell das De­ri­vat da­von Play­On­Linux. Die­se Soft­ware emu­liert eine Windows-Umgebung. Vor al­lem äl­te­re Spie­le (bis Di­rec­tX 9) las­sen sich mit die­ser Soft­ware, mal bes­ser, mal eher schlech­ter, spie­len.

Spielemarkt ist hart umkämpft

Die Lis­te der Spie­le­schmie­den, die in die In­sol­venz ge­hen muss­ten, ist sehr lan­ge. Als Bei­spie­le hier­für gel­ten un­ter an­de­rem Jo­wood (In­dus­trie­gi­gant), THQ (Com­pa­ny of He­ros), As­ca­ron (An­stoss) und Spell­bound (Go­thic).

Die Ent­wick­lung neu­er Spie­le­ti­tel kos­tet zwi­schen­zeit­lich so­gar mehr als die Pro­duk­ti­on ei­nes Ki­no­films.

[...] die ge­sam­te Ent­wick­lung von Battle­field 4 [hat] 100 Mil­lio­nen US-Dollar ge­kos­tet.

Zim­mer­mann, Marc: Battle­field 4 - Ent­wick­lung hat $100 Mil­lio­nen ge­kos­tet. ps4magazin.de (12/2014).

Wenn ein Ti­tel nicht ein­schlägt und die Ent­wick­lungs­kos­ten ein­spielt, ge­hen bei ei­nem Spiele-Entwickler schnell die Lich­ter aus. Es ist also le­gi­tim, dass Spie­le nur für Platt­for­men er­schei­nen, bei de­nen sich der Kosten-Nutzen-Faktor zu­min­dest die Waa­ge hält und da­für ist Li­nux und des­sen Dis­tri­bu­tio­nen ein­fach noch zu un­at­trak­tiv.

Fazit und Zukunftsaussichten

Wenn Sie die Gra­fik von na­ti­ven Linux-Spielen nicht er­tra­gen, rate ich Ih­nen von Wine ab. Selbst wenn Sie ir­gend­wie und ir­gend­wann ein Windows-Spiel un­ter bei­spiels­wei­se Ubun­tu zum Lau­fen be­kom­men, müs­sen Sie im­mer Kom­pro­mis­se ein­ge­hen. Kau­fen Sie sich lie­ber für we­ni­ge Euro eine Win­dows XP Ver­si­on und in­stal­lie­ren Sie sich ein Dual-Boot-System.

Ich hof­fe ich konn­te die Fra­ge: „War­um gibt es we­nig Spie­le für Ubun­tu?” für Sie aus­rei­chend be­ant­wor­ten. Auch wenn es der­zeit noch düs­ter aus­sieht, müs­sen Spie­le­freun­de, die wei­ter an ih­rer Linux-Distribution fest­hal­ten wol­len, nicht ver­zwei­feln.

Seit Ubun­tu 12.04 LTS gibt es näm­lich ei­nen Stern am Him­mel. Der Stern trägt den Na­men Val­ve. In ei­nem der nächs­ten Ar­ti­kel mei­ner Ka­te­go­rie Spie­le er­fah­ren Sie, war­um Val­ve viel Geld in­ves­tiert, um mög­lichst vie­le ak­tu­el­le Spie­le für Li­nux auf der Spie­le­platt­form Steam an­zu­bie­ten.

Ver­wand­te The­men:

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(Screen­shots: Free­civ 2.4.4 in Ubun­tu 14.04 LTS)

Mein Name ist Sa­scha, das In­ter­net und ich sind seit 1997 gute Freun­de. Es gibt mir En­ter­tain­ment, Mo­ne­ten und Lie­be, da­für gebe ich ihm seit 2009 viel­sei­ti­ge, mul­ti­me­dia­le An­lei­tun­gen auf den ver­schie­dens­ten Prä­sen­zen. Wäre ich nicht Web­wor­ker, wür­de ich wahr­schein­lich für die Ca­mor­ra das Heim­netz­werk auf De­bi­an um­stel­len und ver­wal­ten. Als Fa­mi­li­en­mensch lie­be ich näm­lich Süd­ita­li­en, das dor­ti­ge Es­sen und die spät­abend­li­chen Ar­beits­zei­ten.


Kategorie: Blog
  • Grete Meier sagt:

    End­lich mal je­mand der Ubun­tu rich­tig er­klärt. An­ders als die Schwach­ma­ten von Chip oder Com­pu­bild. Mich ner­ven die stän­dig feh­ler­haf­ten Up­dates von Win­dows 7, da­her der even­tu­el­le Um­stieg auf Ubun­tu. Weil ich vor­zugs­wei­se die sehr gu­ten „hid­den ob­jec­ts” Spie­le (för­dert lo­gi­sches den­ken und vor­al­lem das nicht­ver­ler­nen der eng­li­schen Spra­che), was ja bei In­stal­la­tio­nen und Spie­len not­wen­dig bzw. wich­tig ist.

    mfg Gre­te

    • Kilobyte sagt:

      Hal­lo Gre­te,

      naja Win7 ist ei­gent­lich per­fekt und das mei­ne ich ehr­lich. Ist je­doch eine Sack­gas­se. Das „Er­ler­nen” von GNU/Linux ist eine Zu­kunfts­in­ves­ti­ti­on, die aber Aus­dau­er be­nö­tigt, denn feh­ler­haf­te Up­dates gibt es un­ter Ubun­tu und Co. ge­nug 🙂

      Dan­ke für den Kom­men­tar.
      Sa­scha

  • Kevin Schultheiß sagt:

    Hi! Erst­mal dan­ke für die gan­zen In­fos, ich be­nut­ze jetzt schon seit gut ei­nem Jahr Ubun­tu als Zweit­sys­tem und kom­me im­mer mehr weg von Win­dows. Ich bin halt lei­der auch lei­den­schaft­li­cher Spie­ler und da siehts noch nicht ganz so gut aus, wo­bei in Steam schon ei­ni­ges für Li­nux ge­bo­ten ist was nicht aus­sieht wie auf dem Ami­ga 500. Ach­so au­ßer­dem gro­ßes Lob da­für, dass du dei­ne Quel­len an­gibst, dass soll­te ei­gent­lich bei je­dem Blog selbst­ver­ständ­lich sein wird aber so gut wie nie ge­macht. Ich mei­ne das kos­tet ja nichts. Ich habe mir letz­te Wo­che Pil­lars of Eter­ni­ty für 40€ über Steam ge­kauft, rich­tig geil und läuft auch un­ter Ubun­tu, für alle Spie­ler da drau­ßen.

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