Kilobyte: Das Ubuntu Handbuch mit Anleitungen

Ubuntu und die Datensammelwut

Ein Sprich­wort be­sagt: „Nichts ist um­sonst, nicht ein­mal der Tod, denn der kos­tet das Le­ben.” Al­les, was auf den ers­ten Blick kos­ten­los er­scheint, hat in Wahr­heit im­mer ei­nen Preis. Die­ser Preis muss nicht un­be­dingt mit Geld be­zahlt wer­den, je­doch muss er be­zahlt wer­den. Bei den Google-Produkten An­dro­id, Chro­mi­um und Google-Mail weiß in­zwi­schen je­der, man be­zahlt die Nut­zung mit sei­nen Da­ten. Der Grund, war­um es je­der weiß ist, dass das Un­ter­neh­men aus Moun­tain View Ka­li­for­ni­en nie ei­nen Hehl dar­aus ge­macht hat. Die Ca­no­ni­cal Ltd. aus Lon­don, die Fir­ma hin­ter Ubun­tu, hin­ge­gen mag es nicht so ger­ne, wenn über die Da­ten­sam­mel­wut des Be­triebs­sys­tems be­rich­tet wird.

Ist Ubuntu ein Spybot?

Screenshot von Ubuntu Privatsphäre
Na­vi­gie­ren Sie in das Menü „Sys­tem­ein­stel­lun­gen” und kli­cken auf „Si­cher­heit & Da­ten­schutz” öff­net sich ein Fens­ter, in die­sem kön­nen Sie aus­wäh­len, ob Ihre Ak­ti­vi­tä­ten auf­ge­zeich­net wer­den oder nicht. Steht das Aus­wahl­me­nü auf „EIN”, wer­den Ihre Da­ten auf­ge­zeich­net und über­tra­gen.

Screenshot von Ubuntu Aktivität aufzeichnen

Doch was will Ubun­tu mit Ih­ren Da­ten? Na­tür­lich das­sel­be wie Goog­le, Ap­ple & Co. - Geld da­mit ver­die­nen.

¹In den Ubuntu-Versionen 12.10 - 15.10 ist die Dash-Startseite haupt­säch­lich mit Ama­zon ver­knüpft und blen­det pas­send zu den Such­ergeb­nis­sen Wer­bung ein.

Ca­no­ni­cal has re­leased Ubun­tu Li­nux 12.10 in­clu­ding Ama­zon se­arch re­sults in Dash and sup­port for the la­test ver­si­on of Open­stack.

La­tif, La­wrence: Ca­no­ni­cal re­lea­ses Ubun­tu 12.10 with Ama­zon se­arch. theinquirer.net (07/2015).

Die­ser Schritt sei laut Mark Shut­tle­worth, sei­nes Zei­chens Mul­ti­mil­lio­när und Va­ter von Ubun­tu nö­tig ge­we­sen, da­mit die Linux-Distribution wei­ter „re­le­vant” ist, also wei­ter­ent­wi­ckelt, und mit re­gel­mä­ßi­gen Up­dates ver­sorgt wer­den kann. War­um man sich ge­ra­de für den po­la­ri­sie­ren­den Kon­zern Ama­zon ent­schied, be­ant­wor­te­te Mark Shut­tle­worth la­pi­dar:

We pi­cked Ama­zon as a first place to start be­cau­se most of our users are also re­gu­lar users of Ama­zon [...]

Shut­tle­worth, Mark: Ama­zon se­arch re­sults in the Dash. markshuttleworth.com (07/2015).

Ge­ne­rell stellt sich mir die Fra­ge, wo­her Mark Shut­tle­worth über­haupt wuss­te, dass die meis­ten Ubuntu-Benutzer auch Amazon-Kunden sind?

  • Da­von ab­ge­se­hen heißt di­gi­ta­le Wer­bung im­mer Über­tra­gung von Be­nut­zer­da­ten. Wenn Sie bei­spiels­wei­se eine Google-AdSense Wer­be­an­zei­ge se­hen, über­trägt Ihr Web­brow­ser an Goog­le min­des­tens Ihre IP-Adresse, Da­ten zu Ih­rem Be­triebs­sys­tem so­wie wo und wann Sie die Wer­bung ge­se­hen ha­ben.

Die­se Ser­ver­pro­to­kol­le ent­hal­ten nor­ma­ler­wei­se Ihre Web­an­fra­ge, die IP-Adresse, den Brow­ser­typ, die Brow­ser­spra­che, das Da­tum und die Uhr­zeit Ih­rer An­fra­ge so­wie ein oder meh­re­re Coo­kies, die un­ter Um­stän­den Ih­ren Brow­ser ein­deu­tig iden­ti­fi­zie­ren.

Goog­le: So ver­wen­det Goog­le Coo­kies in An­zei­gen. google.com (07/2015).

  • Da­mit die Dash-Startseite von Ubun­tu pas­sen­de Amazon-Anzeigen wie­der­ge­ben kann, muss zu­nächst eine In­ter­net­su­che statt­fin­den.
  • An­ge­nom­men der Be­nut­zer sucht über die Dash-Startseite den Ord­ner, in dem sich sei­ne Fuß­fe­tisch Vi­de­os be­fin­den, und gibt „Fuß­fe­tisch” ein. Dann über­trägt Ubun­tu die­sen Such­be­griff samt den o. g. Be­nut­zer­da­ten an ei­nen Amazon-Server, wel­cher dar­auf­hin wahr­schein­lich Pro­dukt­wer­bun­gen für Fußfetisch-DVDs aus­gibt. Au­ßer­dem weiß die Ca­no­ni­cal Ltd. und Ama­zon nun, dass die­ser Ubuntu-Benutzer ein Fuß­fe­ti­schist ist.

Aktivitäten nicht aufzeichnen - kein Datentransfer?

Wenn der Ubuntu-Benutzer also an­onym Füße ge­nie­ßen möch­te, de­ak­ti­viert er ein­fach im Privatsphäre-Menü die Funk­ti­on „Ak­ti­vi­tät auf­zeich­nen” und dann ist Ruhe im Kar­ton, oder?

Lei­der nicht. Der Pro­gram­mie­rer und Ak­ti­vist Ri­chard Stall­man fand her­aus, dass Ca­no­ni­cal die Da­ten wei­ter­hin voll­stän­dig ab­greift, an­schlie­ßend an­ony­mi­siert und dann nur noch das Such­wort an Ama­zon wei­ter­gibt.

Alt­hough Ubun­tu users can opt out and Ca­no­ni­cal claims it an­ony­mi­ses users” se­arch in­for­ma­ti­on be­fo­re sen­ding it to Ama­zon, the chan­ge re­sul­ted in Ubun­tu users being shown Ama­zon ads in re­spon­se to desk­top se­arch que­ries.

Ori­on, Egan: Ri­chard Stall­man says Ubun­tu Li­nux is „spy­wa­re”. theinquirer.net (07/2015).

Um beim Bei­spiel zu blei­ben, ist es un­ter Ubun­tu bis Ver­si­on 15.10 nicht mög­lich, sei­nen Fuß­fe­ti­schis­mus ge­heim zu hal­ten.

Was macht Ubuntu mit meinen Daten?

Wenn Sie eine Ubuntu-Version auf Ih­rem Com­pu­ter in­stal­lie­ren, se­hen Sie sich au­to­ma­tisch mit den Da­ten­schutz­richt­li­ni­en ein­ver­stan­den. Ca­no­ni­cal gab hier bis Fe­bru­ar 2016 Fol­gen­des an:

To com­ply with le­gal and re­gu­la­to­ry re­qui­re­ments (in­clu­ding re­spon­ding to court or­ders, sub­po­e­nas and to pre­vent crime). The­se spe­cial cir­cum­s­tan­ces may re­qui­re us to dis­c­lo­se per­so­nal in­for­ma­ti­on. [...] To mar­ket our pro­ducts or ser­vices to you.

Ca­no­ni­cal Ltd.: Pri­va­cy po­li­cy. ubuntu.com (07/2015).

Seit Ubun­tu 13.10 wa­ren nicht nur Ama­zon, son­dern auch eBay, Face­book und vie­le an­de­re be­kann­te Mar­ken, die bei Da­ten­ge­schäf­ten na­tür­lich nicht feh­len dür­fen, mit der Dis­tri­bu­ti­on ver­knüpft. Dar­auf­hin wur­de Mark Shut­tle­worth im Jah­re 2013 so­gar der Big Bro­ther Award Aus­tria ver­lie­hen.

Ubuntu-Sponsor Mark Shut­tle­worth hat den Big Bro­ther Award Aus­tria in der Ka­te­go­rie „Kom­mu­ni­ka­ti­on und Mar­ke­ting” er­hal­ten. An­lass da­für ist die Such­funk­ti­on im Dash, die seit Ubun­tu 12.10 nicht nur nach lo­ka­len Da­ten, son­dern auch nach Tref­fern im In­ter­net fahn­det [...].

Di­ed­rich, Oli­ver: Big Bro­ther Award Aus­tria für Mark Shut­tle­worth. heise.de (07/2015).

Wie kann ich mich schützen?

Der ein­fachs­te Weg wäre es, wenn Sie Ihr Ubun­tu up­graden. Seit Ver­si­on 16.04 LTS sind alle „Spy­funk­tio­nen” stan­dard­mä­ßig de­ak­ti­viert.

Screenshot vom Menü "Sicherheit & Datenschutz" in Ubuntu 16.04 LTS

Zeit­gleich hat die Ca­no­ni­cal Ltd. ihre Da­ten­schutz­be­stim­mun­gen neu de­fi­niert.

We don’t sha­re your per­so­nal in­for­ma­ti­on with an­yo­ne ex­cept to pro­vi­de you with ser­vices, pro­ducts, to com­ply with the law, or to pro­tect our rights.

Ca­no­ni­cal Ltd.: Pri­va­cy po­li­cy. ubuntu.com (05/2016).

Falls Sie dem Gan­zen den­noch nicht trau­en und trotz­dem nicht auf das be­lieb­te Debian-Derivat ver­zich­ten möch­ten, ha­ben Sie je­der­zeit die Ge­le­gen­heit, die Be­nut­zer­ober­flä­che zu wech­seln. Die gan­zen „Spy­ak­tio­nen” hän­gen näm­lich nur mit Unity, der Stan­dard­be­nut­zer­ober­flä­che, zu­sam­men. Ein Wech­sel auf bei­spiels­wei­se KDE oder GNOME 3 funk­tio­niert via Ter­mi­nal und ist ein­fach zu voll­zie­hen.

Fazit

Ge­ne­rell fin­de ich es erst ein­mal sehr gut, dass die Ca­no­ni­cal Ltd. ih­rem im­mer wei­ter wach­sen­den Be­nut­zer­stamm ent­ge­gen­kam und nach drei Jah­ren zu­min­dest die Pro­dukt­an­zei­ge stan­dard­mä­ßig de­ak­ti­viert hat. Unity ist be­kannt­lich auch ohne die­ses Fea­ture mit die lang­sams­te Be­nut­zer­ober­flä­che von al­len.

Ob und was noch an Da­ten über­tra­gen wird, kann ich ab­schlie­ßend nicht be­ur­tei­len. Die Da­ten­schutz­richt­li­ni­en ha­ben sich bei ge­naue­rem Hin­se­hen nicht grund­le­gend ge­än­dert und könn­ten nun mit der Fi­gur „PC Princi­pal” aus der TV-Serie „South Park” cha­rak­te­ri­siert wer­den.

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(Screen­shots: Ubun­tu 14.04.2 LTS & 16.04 LTS)
¹Ar­ti­kel wur­de am 08.05.2016 ak­tua­li­siert.

Mein Name ist Sa­scha, das In­ter­net und ich sind seit 1997 gute Freun­de. Es gibt mir En­ter­tain­ment, Mo­ne­ten und Lie­be, da­für gebe ich ihm seit 2009 viel­sei­ti­ge, mul­ti­me­dia­le An­lei­tun­gen auf den ver­schie­dens­ten Prä­sen­zen. Wäre ich nicht Web­wor­ker, wür­de ich wahr­schein­lich für die Ca­mor­ra das Heim­netz­werk auf De­bi­an um­stel­len und ver­wal­ten. Als Fa­mi­li­en­mensch lie­be ich näm­lich Süd­ita­li­en, das dor­ti­ge Es­sen und die spät­abend­li­chen Ar­beits­zei­ten.


Kategorie: Blog
  • Iron 884 sagt:

    Ist mein Ubun­tu 12.04 mit Mate gno­me Desk­top si­cher?
    LG
    Gun­tram

    • Kilobyte sagt:

      Hi, was ist schon si­cher in der heu­ti­gen IT-Welt 🙂 Über GNOME ist je­doch kein Da­tens­py­ing be­kannt, ich be­nut­ze selbst GNOME3 und KDE Plas­ma.

  • Jürgen sagt:

    Das ist ja eine Saue­rei!! Ich hab den Link hier­her von ei­nem Be­kann­ten über Face­book be­kom­men der mir er­zählt hat das in Ubun­tu so gut wie kein Da­ten­schutz vor­herscht. Ich konn­te es ein­fach nicht glau­ben. In Ubun­tu 14 ist die Wer­bung im Dash wirk­lich noch pe­ne­dran­ter als in Ubun­tu 13 so­dass ich das aus­ge­schal­tet habe. Das trotz­dem Da­ten ge­sam­melt wer­den wuss­te ich nicht. Ich bin erst seit 1 1/2 Jah­ren bei Ubun­tu vor­her auf Win­dows XP und war bis­her to­tal zu­frie­den. Es kotzt mich lang­sam an, Chro­me kann man nicht nut­zen, Drop­box nicht und jetzt Ubun­tu... Ich wer­de mir am Wo­chen­en­de mal Lub­un­tu an­se­hen und wenn das auch nichts ist wech­sel ich zu De­bi­an, aus fer­tig.

  • Udo Sommers sagt:

    Na wer hät­te das ge­dacht? Völ­lig klar das jeg­li­che kos­ten­lo­se Soft­ware Da­ten sam­melt. Wie­so soll­te die Soft­ware sonst kos­ten­los sein? Ubun­tu 14 ist, wie der Kom­men­ta­tor ober mir be­reits sag­te, durch die pe­ne­tran­te Wer­bung noch lang­sa­mer als oh­ne­hin schon. Ich habe mir des­halb Gu­bun­tu 14.10 in­stal­liert. Das ist Ubun­tu mit Gnome-Desktop ohne Wer­bung. Läuft sehr sta­bil und schnel­ler als das Unity. Ich nut­ze Goog­le Chro­me, Face­book usw. also macht das jetzt den Kohl auch nicht mehr fett in der Da­ten­schutz Be­trach­tung. Sehr schö­ner Ar­ti­kel den­noch, ich den­ke der lässt vie­le Leu­te auf­wa­chen.

  • Dimitri sagt:

    Ich habe Ubun­tu 14 seit ein­paar Mo­na­te. Beim ers­ten Ein­schal­ten und Aus­pro­bie­ren des Dash’s zeig­te mir das Pro­gramm Wer­bung von Ko­mö­di­en in mei­ner Mut­ter­spra­che an. Sie hät­ten mich schon in­ter­es­siert. Viel in­ter­es­san­ter war je­doch, wie­so wuss­ten die Her­ren dass ich mehr­spra­chig bin? Bis Ubun­tu 14 nutz­te ich Ubun­tu 11 etwa zwei bzw. drei Jah­re. Es sit also gut mög­lich, dass es schon frü­her tüch­tig „ge­sam­melt” wor­den ist. Also wie­der das Be­rüm­te „Käse um­sonst!”.

  • Mohammed sagt:

    Jo!
    Coo­ler Ar­ti­kel! Ich will auch mein Be­riebs­sys­tem wech­seln um der Da­ten­samm­lung von den gan­zen Dödeln we­nigs­tens ein biss­chen ent­ge­gen­zu­wir­ken. Bin aber halt ne ech­te Nie­te in Com­pu­ter­zeugs. Der Ar­ti­kel hat mich über­zeugt und hat mir sehr ge­hol­fen!
    Ist er noch ak­tu­ell?

    Gruß Mo­ham­med 3

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