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IT-Fachkräftemangel – ich bin schuldig

Ich kann nicht programmieren. Ich habe es versucht, aber als ehemaliger Matheversager verstehe ich trotz Abitur einfach die Zusammenhänge nicht. Als Webworker habe ich jedoch immer eine ganze Menge zu programmieren, egal, ob PHP, XML oder C, irgendwie brauche ich immer eine Funktion. Ich kaufe mir für diese Fälle Expertise bei Fachkräften ein. Sehr löblich könnten Sie nun meinen. Unglücklicherweise für Deutschland, sitzen meine IT-Fachkräfte in Indien und deshalb bin ich schuld am IT-Fachkräftemangel. Wie soll das gehen? Das erfahren Sie hier anhand eines Beispiels.

Hilfe! Wir brauchen IT-Fachkräfte

Um Gottes willen was ist nur mit den heutigen Studenten los? Früher wurde für den Taxi-Schein studiert, heute stehen Firmen bei den Bachelors und Mastern in den sogenannten MINT-Fächern Schlange und trotzdem sind die Studis nur am Lamentieren.

Seit Jahren fehlen in Deutschland IT-Experten. Derzeit gibt es 39 000 offene und schwer zu besetzende Stellen.

Kempf, Dieter: Deutschland fehlen IT-Experten. sueddeutsche.de (11/2014).

Es gibt sogar so wenige Programmierer in Deutschland mit freien Ressourcen, dass Auftraggeber wie ich nach Indien ausweichen müssen, um Aufträge zeitnah bearbeitet zu bekommen.
Ich denke bis jetzt könnte mein Artikel auch von der Bundesregierung oder dem Arbeitgeberverband formuliert sein. Die Wahrheit aus der Praxis ist jedoch eine völlig andere.

Inder programmieren schneller und günstiger

Odesk Worker

Das ist Anil aus Indien. Er hat einen Master of Technology (Informatik) und ist meine IT-Fachkraft für PHP und Javascript. Kennengelernt haben Anil und ich uns über die weltweite Freelancer-Plattform odesk.com. Bereits seit 2012 schalte ich auf Odesk Ausschreibungen für Programmier-Projekte und bin seitdem mehr als zufrieden.

  • Zu Odesk wurde ich eigentlich gedrängt. Zum einen liegt der derzeitige Stundenlohn, egal, ob Freiberufler oder Agentur, eines deutschen Programmierers bei 70,00 Euro brutto zum anderen nehmen diese nur sehr ungern kleinere Aufträge an.
  • Anil aus Indien kostet mich 10,00 US-Dollar brutto die Stunde, wobei wir für die meisten Aufträge ein Fixum aushandeln.
  • Musste ich früher wochenlang auf Programmierarbeiten warten, macht Anil alles sofort.

Natürlich glaube ich, dass die deutschen Kollegen ihre Preise knapp kalkuliert haben. Aufgrund der Lohnnebenkosten, immer schneller steigenden Energie- und Mietpreisen sowie der Niedrigzinspolitik muss ein deutscher Programmierer eben 70,00 Euro in der Stunde haben, um gewinnbringend zu arbeiten. Die gleichen Kosten habe ich hier in Deutschland natürlich auch und deshalb muss ich sehen, dass ich Dienstleistungen so günstig wie möglich einkaufe. Wie Sie sehen, ist das derzeit nicht kompatibel.

Wenn ich als kleines Licht schon regelmäßig Programmierer aus Indien, Sri Lanka und Pakistan beschäftige, scheint es einen großen Bedarf und demnach einen Markt zu geben. Sicherlich würde ich einen deutschen Programmierer bevorzugen. Ich könnte meine Probleme am Telefon in meiner Muttersprache erörtern und auf Rechnung bezahlen. Wenn ich dann an Weihnachten noch einen Kalender geschenkt bekomme, wäre ich sogar bereit einen Stundenlohn von 38,00 Euro brutto in Kauf zu nehmen. Wie schafft es also ein deutscher IT-Dienstleister mir diese Leistung zu diesen Konditionen anzubieten? Richtig, mit mehr IT-Fachkräften.

Fachkräftemangel dient der Lohnsenkung

Wäre der diplomierte Programmierer Anil aus Indien ein Deutscher, würde er wahrscheinlich ein Jahresgehalt von 60.000 – 67.000 Euro einfordern.

Das Programmierer Gehalt beträgt 66.960 € Brutto pro Jahr. Der Stelleninhaber ist 35 Jahre alt und übt die berufliche Tätigkeit im Bereich Softwareentwicklung Backend aus. Das Gehalt in Höhe von 66.960 € wird wesentlich bestimmt durch das Alter von 35 Jahren, die Ausbildung Diplom Uni […]

PMSG PersonalMarkt Services GmbH: Gehalt Programmierer. gehalt.de (11/2014).

Zwar lässt sich mit diesem Jahresgehalt ein sehr gutes Leben führen, jedoch ist man noch weit entfernt von einem luxuriösen Leben in Saus und Braus. Würde es einen IT-Fachkräftemangel geben, müssten dann die Programmierer nicht wesentlich mehr verdienen?

Die wahre Arbeitskraft wird nicht teurer, weil wir weniger Fachkräfte haben, sondern sie wird beliebig billiger. Das ist ein Widerspruch den kein Betriebswirt oder Volkswirt erklären kann.

Prof. Dr. Bosbach, Gerd: Das Märchen vom Fächkräftemangel. youtube.com (11/2014).

Andererseits lassen sich mit diesen Gehältern keine Angebote schnüren, welche nur annähernd mit den asiatischen Offerten konkurrieren können. Um die Gehälter also weiter drücken zu können, damit man in Zukunft vielleicht mal konkurrenzfähig wird, streut man das Gerücht vom IT-Fachkräftemangel und erreicht dadurch zwei wichtige Dinge:

1. Weniger Gehalt für Ausländer

Bis 2012 musste Ausländern, die nicht zur EU gehören und die im Besitz einer Blue Card waren, immer ein Mindestgehalt von 66.000 Euro gezahlt werden. Handelt es sich jedoch um ein Berufsfeld, welches unter Fachkräftemangel leidet, ändert sich das Mindestgehalt auf 33.000 Euro im Jahr.

Um eine Aufenthaltsgenehmigung – diesmal heißt sie Blue Card – zu bekommen, müssen IT-Fachleute nicht mehr mindestens 66.000 Euro im Jahr verdienen, es reichen nun 33.000 Euro.

Finke, Katharina: Deutschland? Muss nicht sein. spiegel.de (11/2014).

2. Erzeugung eines Überangebots an IT-Fachkräften

Wer immer hört und liest, dass ein Informatik-Studium einen sicheren Arbeitsplatz beschert, der zieht diesen Studiengang vor. In ein paar Jahren hat man dann ein unnatürlich erzeugtes Überangebot an IT-Fachkräften, welche sich zusätzlich noch mit Einwanderern um freie Stellen in Sachen Gehalt unterbieten.

Inder schützen unseren Arbeitsmarkt

Trotz der Werbekampagne „Make it in Germany„, welche dem Steuerzahler wahrscheinlich wieder Millionen von Euro kostet und der lukrativen Aussicht auf ein halbes Jahresgehalt vergleichsweise zu Einheimischen, wollen die Inder einfach nicht kommen.

Dies liegt zum einen daran, dass Freelancer-Plattformen wie odesk.com es den indischen IT-Fachkräften ermöglichen, ein passables Einkommen zu erzielen ohne dabei die Heimat zu verlassen.

Screenshot von Odesk.com

Zum anderen gibt es in Indien für IT-Fachkräfte genug Unternehmen, die diese selbst benötigen und beschäftigen.

Schwierigkeiten bei der Jobsuche gibt es hierzulande jedenfalls nicht.

Jender, Biri: Indien verlassen, käme nicht infrage. zeit.de (11/2014).

Ja, ich trage die Schuld am IT-Fachkräftemangel

Nur weil ich es mir nicht leisten kann, Programmierer-Dienstleistungen aus Deutschland zu marktüblichen Preisen einzukaufen, muss ein IT-Fachkräftemangel erzeugt werden, um einen Binnenmarkt für mich zu erschaffen.

Vielleicht sollte man Frau Dr. Angela Merkel beim Wort nehmen.

Das Internet ist für uns alle Neuland […]

Dr. Merkel, Angela: Historische Rede – #Neuland. youtube.com (11/2014).

Währenddessen asiatische Länder Anfang der 2000er Jahre in die Bildung im Bereich der Informationstechnik investiert haben und jetzt davon profitieren, überlassen wir alles Microsoft.

Die Berliner Steuerverwaltung plant bis Mitte kommenden Jahres die Abkehr von Open Office und will die rund 6.000 PC in den Berliner Finanzämtern wieder mit Microsofts Officepaket ausstatten. Der Wechsel ist beschlossene Sache, die Verhandlungen mit Microsoft laufen.

Dressler, Nadine: Zurück zu Microsoft: Berliner Finanzamt kehrt OpenOffice den Rücken. winfuture.de (11/2014).

Ich bin jedoch nicht schuld daran, dass Wirtschaftsverbände und Bundesregierung verleugnen, dass Deutschland eben kein konkurrenzfähiges IT-Land ist und durch ständige Medienmanipulation mit der Zukunft junger Leute spielen.

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(Screenshots: odesk.com)

Mein Name ist Sascha, das Internet und ich sind seit 1997 gute Freunde. Es gibt mir Entertainment, Moneten und Liebe, dafür gebe ich ihm seit 2009 vielseitige, multimediale Anleitungen auf den verschiedensten Präsenzen. Wäre ich nicht Webworker, würde ich wahrscheinlich für die Camorra das Heimnetzwerk auf Debian umstellen und verwalten. Als Familienmensch liebe ich nämlich Süditalien, das dortige Essen und die spätabendlichen Arbeitszeiten.


Kategorie: Blog
  • ironeagle sagt:

    Ich stimme dir gänzlich zu.
    Ich kan eigendlich durch eine andere suche auf deinen Blog aber dieser Artikel war sehr gut so dass ich ihn kommentieren wollte.

    Ich wollte noch anmerken wie die Definition von dem Wort Fachkräftemangel lautet.
    Laut Bundesagnetur für Arbeit spricht man von einem fachkräftemangel wenn pro zu besetzender Stelle weniger als drei (ja richtig 3!) Bewerber kommen. Ergo. hat der Personaler eine Stelle die zu besetzen ist und er kann nicht aus der Masse von Bewerbungen auswählen dann ist dies der Fachkräftemangel. Diese Definition wurde durch die Lobbyisten durchgedrückt und somit verwendet die Bundesagentur für Arbeit brav diese Definition.

    Das wollte ich noch anmerken.

    Nette Grüsse IronEagle

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